Rezepturen

un kommen wir zum letzten Teil in dieser kleinen Abhandlung des Mysterium Scribendi.
Nicht nur mit Farben und Pigmenten hat der Scriptor seine Müh, nein; auch in der Verarbeitung von Metallen und der Zubereitung von Lösungs- und Bindemitteln waren die Schreiber und Illustratoren in meiner Zeit Meister ihres Fachs.
Metallgründe
Gold für Buchstaben und Grund
Blattgold
Goldauflage an einer Miniatur


Gold wurde von den Schreibern und Buchbindern des
Mittelalters auf zweierlei Arten verarbeitet :

Das Blattgold wurde im frühen Mittelalter ohne jede
Grundierung auf das Pergament gebracht, denn die äußerst
empfindlichen und hauchdünnen Goldblättchen haften bei
geringster Berührung auf beinahe jedem Untergrund fest an.
Oftmals wurde eine Grundierung aus Ocker verwendet, um
die Wirkung des glänzenden Edelmetalls noch zu steigern.
Später wurde Eikläre verwendet, um das Blattgold auf dem
Pergament wirklich dauerhaft zu fixieren. Hierbei wurde - wenn gewünscht - zunächst mit Ocker grundiert und dann nach dem Trocknen des Grundes die Eikläre als dünne Schicht aufgemalt. Das Pergament wurde also nicht einfach eingestrichen, sondern der Buchstabe, das Ornament, oder was immer auch mit Blattgold überzogen werden sollte, wurde wie mit "richtiger" Tinte sorgfältig ausgemalt. Danach wurde ein Goldblättchen sorgfältig zugeschnitten und mit einem aufgeladenen Pinsel (mit dem Pinsel über das Gesicht streichen; dieser läd sich dadurch statisch auf) auf den mit Eikläre vorbereiteten Grund übertragen. Nach dem Trocknen werden nun die auf dem
Grund überstehenden Blattgoldbestandteile vorsichtig
abgebürstet. Abschließend poliert man die Blattgoldauflage
mit einem Polierstein (Achat) oder einem Tierzahn - hierfür
sind Eberzähne hervorragend geeignet - auf Hochglanz.
So entsteht eine erhabene Goldauflage, wie auf dem
nebenstehenden Bild anhand der Umrahmung einer Miniatur
sehr schön veranschaulicht wird.

Eine andere Methode zum Verarbeiten von Gold ist die
Verwendung von Muschelgold. Hierfür mischt man das
pulverisierte Gold mit Gummi arabicum oder Leim an, seltener
mit Eikläre oder anderen Zusätzen wie Galle und Säfte aus
Pflanzen. Auf diese Weise erhält man Goldtinte. Muschelgold wird übrigens so genannt, weil das Goldpulver in Muscheln gehandelt und aufbewahrt wurde. Geschichten um den Zusatz von Perlmutt und anderen Bestandteilen zur Begründung dieses seltsamen Namens gehören somit eher in den Bereich der Mythen und Legenden ...
Auch bei der Verwendung von Goldtinte wird die Schrift nach dem Trocknen mit einem Achatstein oder Eberzahn auf Hochglanz poliert.



Farbstoffe und Pigmente müssem mit Bindemittel und meist auch mit etwas Wasser angerührt werden, um eine schreib- oder malfähige Konsistenz zu erhalten. Die gebräuchlichen Bindemittel waren Eiweiß, Gummi arabicum sowie Leim. Zu beachten ist hierbei, daß nicht jedes Bindemittel mit jedem Farbstoff verwendet werden kann.


Eikläre

Eiweiß muß, bevor es als Bindemittel benutzt werden kann, zunächst einmal aufbereitet werden.
Eine brauchbare Methode ist, das Eiweiß zu Eischnee zu schlagen und die sich kurze Zeit später am Boden des Gefäßes absetzende Flüssigkeit zu verwenden.


Gummi arabicum

Zur Herstellung von Gummi arabicum verwendete man zu meiner Zeit das Harz unserer Kirsch- und Pflaumenbäume. Hierfür werden Harzbrocken in Wasser gelegt, bis diese quellen und sich schließlich im Wasser auflösen. Verunreinigungen durch Baumrinde werden anschließend ausgefiltert. Auch nach erneutem Trocknen bleibt Gummi wasserlöslich und kann somit mehrfach wiederverwendet werden.
Beinahe alle Pigmente und Mischungen außer Mennige, Bleiweiß und Karmin können mit Gummi angerieben und aufgetragen werden.


Knochenleim

Das Leimkochen ist keine angenehme Arbeit; unangenehme
Gerüche und das Arbeiten mit den tierischen Produkten
machen oft einsam gegenüber den Mitmenschen ...
So werden Tierreste wie Haut, Knochen und Knorpel
in Wasser gesiedet, bis sich die sogenannten Leimbinder
aus der Masse lösen. Diese Leimbinder können aks klare,
sämige Flüssigkeit abgesiebt werden.
Zu eurer Zeit kann man Knochenleim als vorgefertigtes
Produkt kaufen; diese auf der nebenstehenden Abbildung
gezeigten Leimkugeln werden einfach über Nacht in Wasser
eingeweicht und am anderen Morgen auf kleiner Flamme
ohne kochen aufgewärmt. Wenn beim Probieren die Finger
fest zusammenkleben, ist der Leim fertig.


Fischleim

Fischleim wurde vorzugsweise aus der getrockneten Schwimmblase des Störs (Hausen) hergestellt.
Die von Theophilus angegebene Rezeptur für Fischleim ist auch heute noch in Gebrauch :
"Danach nimm die Schwimmblase von dem Fisch, der Hausen genannt wird, wasche sie dreimal mit lauwarmem Wasser und schneide sie klein. Gib sie in einen ganz sauberen Topf mit Wasser und laß sie über Nacht weichen. Am Morgen koche sie auf dem Feuer ohne das es siedet, bis beim Probieren deine Finger zusammenkleben, und sobald sie fest zusammenkleben, ist der Leim gut."


Temperaturwasser

Dieses Bindemittel ist ebenfalls hervorragend für das Anreiben von Farbstoffen und Pigmenten mit dünnflüssiger Konsistenz geeignet :
1 Teil Honig mit 4 Teilen Gummi arabicum und 1 Teil Wasser lösen, anschließend 3 Teile Essig zusetzen.
Mit dieser Mischung werden dann die Farbstoffe und Pigmente feinst verrieben, bis eine sämige Tinte entsteht.

Leimkugeln für Knochenleim
etzt geht´s nicht mehr
Aber dafür umso schneller
© by Mysterium Scribendi 09/2001
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Bindemittel